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Leseprobe aus “Nadelprobe”

Von Lutz | März 26, 2013

Florian kam an die Reihe und schien auf Anhieb gut präpariert.
„Im Mittelalter wurde eine Kräutersammlerin aus unserer Stadt der Hexerei bezichtigt”, erzählte er. „Man warf sie in ein Verlies und riss ihr die Kleider vom Leibe, um ihren Körper auf Hexenmale zu untersuchen. Hexen treiben es nämlich mit dem Teufel und von der extatischen Vereinigung bleiben dauerhaft sichtbare Spuren zurück. Das glaubten die Leute früher wirklich, habe ich neulich gelesen. Auf der Schulter der Beschuldigten fand sich ein kleines Muttermal, doch trotz dieses eindeutigen Beweises wollte sie auch unter stundenlanger Folter nicht gestehen. Das gemeine Volk forderte aufgebracht, der Scharfrichter solle nun eine öffentliche Nadelprobe an der Hexe vollziehen, damit ein Urteil gesprochen und vollstreckt werden könne. Auf dem Marktplatz wurde ein Scheiterhaufen errichtet, denn niemand zweifelte daran, dass eine Hexe dem Feuer übergeben werden müsse. Der Platz wimmelte vor Menschen, als die Gefangene herausgeführt und auf einem Podest zur Schau gestellt wurde …

… Der Scharfrichter entblößte ihre Schulter, nahm eine große Nadel und stach sie immer wieder kraftvoll in das Muttermal. Das Volk lauschte und schaute gebannt. Kein Schmerzensschrei war zu vernehmen und kein einziger Tropfen Blut quoll hervor. Die Nadelprobe war eindeutig. Jeder einzelne Zuschauer konnte das Teufelswerk bezeugen, das eine Verletzung des Hexenmals verhinderte und natürlich wurde lauthals nach der Todesstrafe gerufen. Was niemand wusste: Die Oberen der Stadt hatten den Scharfrichter angewiesen, für einen Beweis zu sorgen, der den allgemeinen Erwartungen entsprach. Die Frau war als Hexe überführt und die Nadelprobe nur eine Formsache, die jedoch nicht scheitern durfte. Deshalb benutzte der Henker eine Nadel, die mit einer Feder in einer metallischen Röhre verborgen war. Während es für alle aussah, als würde sich die Nadelspitze tief in das Fleisch bohren, wich sie unsichtbar in die Ummantelung zurück und konnte auch bei beliebig häufigen Versuchen keine Schmerzen oder blutende Wunden bewirken. Unter dem Jubel der Menge schleppte man eine Unschuldige auf den Scheiterhaufen, band sie an einen Pfahl und entfachte die Flammen. An der Stelle auf dem Marktplatz, wo die Frau zu Asche verbrannte, ist heute der Brunnen. Denn die für die Untat Verantwortlichen plagte die Angst. Sie waren davon überzeugt, eine besonders gerissene Hexe vernichtet zu haben und fürchteten ihre Rache. Sie veranlassten, den Boden unter dem Scheiterhaufen tief auszuheben, um auch das letzte Partikel des Bösen aus dem Ort zu schaffen, und beauftragten den Bau des Brunnens.”
Florian atmete durch und schaute sich zufrieden um. Peter zwinkerte ihm anerkennend zu. Die Geschichte klang in seinen Ohren eindrucksvoll plausibel. Alles könnte sich genau so zugetragen haben und ihm kam in den Sinn, welche Schuld sich die Vorfahren seiner Familie damit aufgebürdet haben könnten. Gerade wollte er nachfragen, womit die Frau nur so viel Hass von ihren Mitmenschen auf sich gezogen haben könnte, da fiel ihm wieder ein, dass ja alles nur von Floh erfunden war.
„Den Scharfrichter, könnt ihr euch denken, plagte sein Gewissen”, fuhr Florian fort. „Er verließ kurz darauf die Stadt für immer. Die verzweifelte Seele der Hexe, die er glaubte, ins Fegefeuer zu befördern, gehörte dort jedoch nicht hin. Sie stieg ziellos auf und irrte durch die Gassen. Erst sehnte sie sich nach Erlösung und Frieden. Doch sie fand nirgendwo die dafür nötige Reue über das an ihr begangene Unrecht und schließlich verschwand selbst die Erinnerung daran. Im Laufe vieler Jahre sah sie nur immer wieder, wie falsch und verlogen die Menschen sind. Bis heute ist sie ruhelos unterwegs, doch ihr Geist ist zornig geworden. Sie schlüpft, wann immer möglich, in die Körper junger Mädchen, um ihre Gedanken zu vergiften und sie wie böse Hexen wirken zu lassen. Gerade schwebt sie vielleicht um uns herum und wählt ihr nächstes Opfer. Wundert euch also nicht, wenn bei dem Mädchen neben euch die gute Laune aus heiterem Himmel ins Gegenteil umschlägt.”
Florian blickte zur Seite. „Ricke, alles in Ordnung bei dir. Fühlst du dich gut?”
Der Abschluss war gelungen. Von nächtlichen Schatten umgeben saßen alle schweigend da und blickten zu Henrika. Doch sie vergab die Gelegenheit, das zugeworfene Stichwort mit einer spontanen Reaktion aufzugreifen und schaute nur mürrisch zurück. Sie war in Gedanken schon bei dem, was sie nun selbst zu erzählen haben könnte und hatte, so vermutete Peter, dabei ihre liebe Not. Nach einer kurzen Plauderei und dem Öffnen der letzten Bierflaschen war sie an der Reihe.
„Ich kann das nicht so gut”, sagte Henrika. „Ihr habt das ganze Repertoire schon abgearbeitet. Ich finde blöd, dass ich die Letzte bin.” Ihr war an zusehen, wie angestrengt sie nach der rettenden Idee fahndete. Kapitulieren war ihre Sache nicht, doch ihr fehlte ein Aufhänger.
„Vielleicht was mit Magiern, wo wir gerade Hexen hatten?”, wollte Peter ihr helfen.
„Du brauchst mir nicht vorsagen”, zischte sie zurück.
„Der Geist aus Flohs Geschichte ist in sie gefahren”, verkündete Pia. Während des folgenden Gelächters streifte Henrika ihre Anspannung ab.
„Ich habe keine Story”, begann sie, „sondern will euch von einem geheimen Ritual erzählen. Es bringt eure Feinde dazu, sich zu erkennen zu geben. Das Schlimme an Feinden ist ja, dass sie im Verborgenen wirken und euch heimtückisch zu schaden versuchen. Mit meiner magischen Methode werdet ihr sie entlarven können, ohne dass sie es selbst bemerken. Mit diesem Wissen könnt ihr euch ebenso unbemerkt gegen ihre Angriffe wehren und verhindern, dass sie euer Leben zerstören.”

[...]

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“Wenn wir groß sind” ist erschienen in “Nadelprobe” (Taschenbuch, eBook, 2013)

Nadelprobe

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