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Leseprobe: “Enthüllung”

Von Lutz | März 3, 2013

Monika S., eine Frau mittleren Alters, war aus dem Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock eines Mietshauses gestürzt. Gegen sieben Uhr morgens fiel sie in die Hecke vor dem Haus Nummer zwölf in der Wallstraße. Die Wucht des Aufpralls zerschmetterte ihre Wirbelsäule. Noch vor dem Eintreffen der von einer Nachbarin alarmierten Hilfskräfte erlag sie ihren schweren Verletzungen.
Als Polizeikommissar Kruse den Unglücksort erreicht und sich knapp über den Stand der Dinge ins Bild setzen lässt, ist die Leiche bereits abtransportiert. Feuerwehrleute sind dabei, abgeknickte Zweige aus der hüfthohen Hecke zu schneiden und das Blut vom Laub zu waschen. Kruse nickt ihnen beiläufig zu, deutet mit der Hand einen Gruß an und geht ins Haus. Ein Mann mit Werkzeugkoffer kommt ihm im Treppenhaus entgegen.

„Haben Sie die Tür geöffnet?“
„Ist erledigt, Chef.“
Kruse ist zufrieden. Alles läuft in professionellen Bahnen. Spätestens am Mittag wird er wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Jetzt noch mit ein paar routinierten Blicken Fremdverschulden ausschließen und die Sache kann zu den Akten.
Er erreicht die Wohnung. Ein Kollege wartet davor.
„Sie mussten den Schließzylinder aufbohren?“
„Ja, der Schlüssel steckte von innen.“
„Alleinlebend?“
„Sieht danach aus. Die Zeugin ist eine Nachbarin hier im Haus und wartet in ihrer Wohnung. Möchten Sie gleich mit ihr reden?“
„Bitte. Holen Sie sie.“
Kruse geht in die Wohnung der Verstorbenen hinein, durch einen winzigen Flur, dann rechts in die Küche. Der einzige Stuhl in dem schmalen Raum steht unter dem noch immer geöffneten Fenster. Er schiebt ihn mit der Fußspitze zur Seite, schließt die Fensterflügel, richtet die Vorhänge, schaut sich um. Alles ist bemerkenswert aufgeräumt. Auf der Arbeitsfläche neben dem Herd liegt die Morgenzeitung. Daneben steht eine Tasse. Auf der Milch in ihr treibt eine tote Fliege. Er stupst sie mit dem Zeigefinger an. Noch ein Selbstmord, kommt ihm in den Sinn, als sich keines der Beinchen regt.
Schritte nähern sich. Der Kollege bringt die Nachbarin, eine kleine alte Dame in Kittelschürze und mit aufgeregt zuckenden Augen.
„Das ist Frau Weinert, Herr Kruse.“
„Guten Morgen Frau Weinert. Sie haben den Notruf benachrichtigt?“
Er reicht ihr die Hand, bietet ihr den Stuhl an. Sie macht eine abwehrende Geste, atmet hastig.
„Sollen wir uns lieber in Ihrer Wohnung unterhalten?“
„Nein, nein, schon gut. Es ist nur so schrecklich. Die junge Frau. Ist an mir vorbeigefallen. Vor dem Fenster. Ich habe gerade meine Blumen zur Seite gestellt, um zu lüften, wissen Sie. Wie furchtbar. Ganz verrenkt und krumm hat sie im Gestrüpp gelegen, wissen Sie. Aufgespießt. Voller Blut.“
„Kannten Sie sich gut?“
„Wie man sich so kennt, wissen Sie. Guten Tag, guten Weg. Manchmal haben wir uns auf der Treppe eine Minute unterhalten. Eine nette Frau. Heute früh hörte ich sie noch im Treppenhaus, als sie von der Arbeit kam. Sie hatte viele Nachtdienste, wissen Sie. Und nun lebt sie schon nicht mehr.“
„Was hat sie denn beruflich gemacht?“
„Was mit Telefon. Hat sie mir erzählt, wissen Sie. Einsame Leute haben bei ihr angerufen. Die Zeiten sind ja so. Keiner kümmert sich mehr um den anderen. Sogar die Familien gehen kaputt. Und wenn so jemand mal über seine Sorgen reden wollte, war sie da. Die gute Frau. Ich habe sie gefragt, wissen Sie. Man wundert sich ja, wenn einer immer nachts aus dem Haus geht. Aber gerade dann, sagt sie, bräuchten die armen Menschen sie am nötigsten. Das sagte sie.“
„Hat Frau S. alleine gewohnt? Hatte sie einen Freund, Verwandte oder kamen oft Besucher?“
„Nein. Keine Ahnung. Hab mich auch gewundert, wissen Sie. Dass sie sich keinen Mann gesucht hat. Immer allein ist nicht gut, hab ich ihr gesagt. Am Ende braucht sie noch selber Hilfe. Ist doch schädlich für die Seele, so allein auf die Dauer.“
„Darüber haben sie mit ihr gesprochen?“, fragt Kruse erstaunt.
„Natürlich. Ich glaube sogar, sie war dankbar, dass ich gefragt habe. Sie hat frei von der Leber gesagt, dass sie raus und was ändern will. Neulich erst. Ist doch klar, dass man irgendwann genug davon hat, den Kummer fremder Leute auf sich laden zu lassen. Sie hatte nicht mehr genug Kraft dafür, wissen Sie.“
„So hat sie das formuliert?“ Kruse spürte, dem Motiv für den Suizid auf der Spur zu sein.
„Na, nicht wörtlich, aber ungefähr. Erzählt hat sie mir, dass sie gute Aussichten auf eine neue Arbeit hat. Vorher wollte sie ein paar Wochen ausspannen und verreisen. Die arme junge Frau. Eben macht sie noch Pläne und nun hat sie sich in den Tod gestürzt.“
„Danke, Frau Weinert. Sie haben uns sehr geholfen. Ich werde mich noch einmal an Sie wenden, wenn ich Fragen habe.“
Kommissar Kruse bringt die Nachbarin bis zur Tür, verabschiedet sich und geht dann ins Wohnzimmer. Sind beruflicher Druck, Burnout oder Depressionen das Motiv für diesen Selbstmord? Er zweifelt daran. Private Probleme vielleicht? Er hofft, ein Indiz dafür zu finden oder gar einen Abschiedsbrief. Wer gießt sich erst Milch in die Tasse und springt dann aus dem Fenster?
Sein Blick fällt auf einen Kartonstapel neben dem Sofa. Er öffnet die oberste Schachtel, identische Buchrücken reihen sich aneinander. Er zieht ein Exemplar heraus. „Abgründe der Seele“ lautet der Titel. Monika S. ist die Autorin. Die Zeilen auf dem Einband besagen, dass es in dem Buch um die Erfahrungen der Autorin bei der Telefonberatung geht. Offensichtlich hat sie sich von ihrem eigenen Buch hunderte Exemplare bestellt. Oder stand hier gar die gesamte Auflage, die sie auf eigenes Risiko als Selbstverlegerin drucken ließ? Kruse überschlägt, welche Kosten dabei entstanden sein könnten. Wurde ihr Buch ein Flop und hatten Geldsorgen sie verzweifeln lassen? Er widmet sich dem Klappentext.
Mit psychologischem Gespür und emotionaler Tiefe, steht dort, erzähle Monika S. von einsamen und unglücklichen Menschen. Ihre Erlebnisse fügen sich zu einer Anklage gegen eine herzlose, berechnende und brutale Gegenwart, ohne jedoch in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu verfallen …
Kruse legt das Buch zurück, geht zum Wohnzimmerschrank hinüber, öffnet der Reihe nach die Schubfächer. Er nimmt einige geheftete Blätter Papier hervor. Sie tragen den Briefkopf der lokalen Tageszeitung. Es ist der Wortlaut eines Interviews, an Monika S. adressiert und mit dem Vermerk „Zur Kenntnisnahme“ versehen. Er überfliegt die Zeilen. Ein wohlwollendes Frage-Antwort-Spiel über die Autorin, ihr Buch und über ihre langjährigen Erfahrungen in der Telefonberatung. Das angegebene Datum liegt erst zwei Tage zurück.
Kruse beschließt, den Journalisten anzurufen, der das Gespräch geführt und das Anschreiben unterzeichnet hat. Möglicherweise hat er erfahren, ob Monika S. sich mit ihrem Buchprojekt finanziell übernommen hat. Denkbar wäre auch, dass ihr Arbeitgeber Einwände gegen die Verkauf geltend gemacht hatte. Oder einer ihrer Beratungsklienten hat sich in einem Kapitel des Buches wiedererkannt und wollte die Veröffentlichung seiner persönlichen Leidensgeschichte verhindern. Das würde dem Fall eine neue Wendung geben und sogar Fremdeinwirkung denkbar machen.

[...]

>>> Mehr lesen? Im Buch geht es weiter:

“Wenn wir groß sind” ist erschienen in “Nadelprobe” (Taschenbuch, eBook, 2013)

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