Leseproben

“Wünsch mir was”

[…]

Patricia hasste es, bei Tageslicht hinaus zu gehen. Überall waren Menschen und verbreiteten ihre Unrast. Auf dem Uferweg vor ihrer Grotte, mit Booten auf dem Fluss, in dröhnenden Blechkaleschen auf der nahen Brücke. Es gab keinen Ort mehr, den sie nicht in Besitz genommen hatten. Während sich die Welt um sie herum rasant veränderte, blieb eine Fee, was sie war. Für alle Zeiten jung und anmutig hatte sie über das Schicksal der Menschen zu wachen. Wie immer machten diese Gedanken Patricia melancholisch und sie wünschte sich die glücklichen Jahre zurück, als die Feengrotte noch in dichtem Wald verborgen lag. Wie hatten ihr selbst Könige gehuldigt, um sie als Patin ihrer Kinder zu gewinnen. Sie sah sich tanzen, auf fürstlichen Bällen und im magischen Reigen ihrer Gefährtinnen. Prinzen und Ritter haben sich vor ihr in den Sand geworfen, um Beistand für die Geschicke ihres Lebens zu erbitten. Was für eine würdige Epoche das noch gewesen war.

Alles verloren, dachte Patricia. Je näher die Menschen kamen, umso weniger brauchten sie mich. Sie nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand, vergaßen die Feen und machten meine Grotte zu einer Sehenswürdigkeit, in der man sich zuweilen einen wohligen Schauer auf die Haut streicheln lassen kann.

nadelprobe-coverDie Dämmerung hatte eingesetzt, in die Grotte konnte sie indes noch immer nicht. Zwar waren die Fahrzeuge fort, doch Arbeiter werkelten weiterhin an Gestellen und schleppten Kabel umher. Patricia ahnte, dass ihr eine Nacht im Freien bevorstand. Sorgenvoll blickte sie zum Himmel. Nein, Regen war nicht zu befürchten, nur der Morgentau könnte für sie kritisch werden. Sie schwebte zur Brücke hinüber und schaute weiter zu, was die Menschen in ihrem Zuhause taten.

Plötzlich gingen Lichter an. Scheinwerfer entlang des Ufers strahlten in die Bäume, schwenkten ihre Lichtkegel mit wechselnden Farben über die Wipfel. Waldrand und Uferweg sahen aus wie ein heller Raum mit Wänden aus Dunkelheit. Die Granitfelsen um den Eingang zur Feengrotte bildeten die Mitte dieser Kulisse. Im Inneren der Grotte schien in diesem Moment ein gleißend weißes Licht entzündet worden zu sein, das grell nach außen schlug und von wabernden Schatten durchwirkt war.

Patricia sah, dass sich auf dem Fluss mehrere große Schiffe genähert hatten, mit unzähligen erleuchteten Fenstern und bis zum Bersten mit Menschen gefüllt. Scheinbar waren sie alle gleichzeitig aufgestanden und drängten nun auf die Decks hinaus. Die Schiffe wurden langsamer und verharrten, wie zu einer Kette aufgereiht. Vom Ufer her erklang Musik, beiderseits der Grotte zogen Nebelschwaden über den Boden, dort sprangen Tänzerinnen hinein, die plötzlich im Dutzend aus dem Dunkel auftauchten.

Sie trugen lange, weiße Gewänder, die vor dem Licht fast transparent und schwerelos zu flattern schienen. Die Tänzerinnen machten den Uferweg zur Bühne und vollführten in den nächsten Minuten einen Reigen, der Patricia peinlich berührte. Von den Schiffen drangen Applaus und Jubel an ihr Ohr. Nachdem sich die tanzenden Mädchen am Ufer zu einer abschließenden Formation an die erhobenen Hände gefasst hatten, lief eine nach der anderen in die Feengrotte hinein. Die Scheinwerfer am Ufer senkten ihre Lichtkegel und wurden matter. Die Musik verklang, der Nebel verflog und der Eingang zur Grotte wurde dunkel.

Dann zischte es, ganz nah neben Patricia, so dass sie sich erschrocken von der Brücke abstieß und zu den Schiffen hinüberschwebte. Goldene Funken rieselten wie ein Wasserfall von den Brückenbögen auf das Wasser herunter, an den Pfeilern sprühten silberne Fontänen in die Höhe. Die Schiffe ließen ihre Motoren aufheulen und setzten ihre Fahrt fort, dem Feuerregen entgegen, unter der Brücke hindurch.
Romantisch, dieses Wort hatte Patricia aufgeschnappt, und es machte sie zornig. Plump und ungelenk waren verkleidete Mädchen vor ihrer Grotte hin und her gestampft. Wie kläglich war der Versuch gescheitert, mit Windmaschinen und bunten Lichtern die Körper verzaubert wirken zu lassen. Die Menschen waren nun offensichtlich vollends verrückt geworden. Sie kamen mit Schiffen, um ein Spektakel zu beäugen, das sie für sich selbst vorbereitet hatten. Sie äfften den Tanz der Feen nach, unterlegten ihn mir zirpenden Klängen, bastelten sich ein Feuer-Hokuspokus und freuten sich darüber, wohl wissend, dass alles nur ein Trugbild war. Oder ob die Menschen die Feen gar verhöhnen wollten?

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Wünsch mir was” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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