Leseproben

“Fortuna”

[…]

Das Leben von Bauer Gert war schlicht, doch nicht frei von Sorgen. Einem langen, frostigen Winter war wochenlanger Regen gefolgt, dringend mussten die Felder vorbereitet werden. Und zu allem Überfluss bereitete nun auch noch die Hydraulik des alten Traktors Probleme. Mit Rohrzange und Schraubenschlüssel machte er sich daran, den Fehler zu suchen und hoffte, dass es nur eine undichte Leitung sei, die das Anheben des Pfluges verhinderte. Für eine gründliche Inspektion durch einen Mechaniker fehlte das Geld, weil bereits im Vorjahr die Erträge durch einen viel zu trockenen Sommer nur mager ausgefallen waren.

Als hätte die Welt sich gegen uns verschworen, dachte Gert. Eigentlich muss ein neuer Traktor her, irgendwann wird mich das klapprige Ding im Stich lassen. Bei meinem Glück wird das mitten in der Erntezeit passieren. Uns kann nur noch ein Wunder helfen.

Ein kleines Wunder war für ihn bereits, dass nur die Schelle einer Schlauchverbindung erneuert werden musste. Während er sich mit einem Putzlappen zufrieden das Öl von den Händen wischte, kam ihm ein Witz in den Sinn, den sein Sohn ihm kürzlich erzählt hatte. Dabei ging es um einen, der die Glücksgöttin täglich anflehte, ihm doch einen Lottogewinn zu bescheren – bis die sich irgendwann entnervt bei ihm meldete und ihn aufforderte, doch endlich einmal einen Lottoschein abzugeben.

Nach kurzem Schmunzeln wurde Gert nachdenklich. Warum war ihm das eben eingefallen? Hatte vielleicht Fortuna mit ihm Kontakt aufgenommen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Von Arbeit allein ist noch niemand reich geworden. Diese und ähnliche Sprüche fielen ihm plötzlich ein und er meinte viel Wahres darin zu entdecken. Noch am gleichen Tag spielte er den ersten Lottoschein.

nadelprobe-coverVon nun an saß Gert jeden Sonnabend um kurz vor acht erwartungsvoll vor dem Fernseher. Er hielt es für wichtig, den Kugeln beim Rollen zuzuschauen, der spirituellen Verbindung wegen. Nach einigen Wochen kannte er seine Zahlen auswendig und hatte gelernt, mit den Enttäuschungen umzugehen: Er musste einfach nur geduldig sein. Jeder hatte die gleiche Chance. Irgendwann wäre auch sein Tipp einmal an der Reihe. Es kann sich nur lohnen, auf einen guten Jackpot zu warten. Neues Spiel, neues Glück.

Sein Leben und seine Gedanken waren auf den Sonnabend ausgerichtet. Gert fand Gefallen daran, sich während der Arbeit auf dem Feld auszumalen, was er ab nächsten Montag tun und worum er sich alles kümmern müsste. Den alten Traktor würde er behalten, als Liebhaberstück auf Vordermann bringen lassen und ihm einen Ehrenplatz in der alten Scheune zuweisen, nachdem deren marodes Dach erneuert worden war. Er würde weitere Flächen kaufen, Leute einstellen und endlich im großen Stil ins Geschäft einsteigen. Mit dem Gefühl, dass schon bald alles besser werde, war es auch gar nicht mehr so schlimm, wenn die geplatzten Kohlrabiknollen überhand nahmen. “Lass uns nächste Woche darüber reden”, sagte er gern zu seiner Frau, wenn sie ihn zum Beispiel auf die Wartung der Heizung oder die Reparatur der Waschmaschine ansprach. Anfangs hatte Rike darüber gelacht, war jedoch zunehmend mürrisch geworden und erwiderte irgendwann nur noch ärgerlich: “Ja, Hauptsache der Lottoschein ist gültig.”

Eines Nachts, nach einem heißen Sommertag voller Ärger mit der Beregnungsanlage, hatte Gert einen Traum. Er glaubte aufgewacht zu sein, stand auf, wollte aus dem Schlafzimmer in den Flur gehen und befand sich unvermittelt am Eingang einer weiten Halle, deren Dach von mächtigen Säulen getragen wurde. Der Raum war bis in den letzten Winkel von Menschen gefüllt. Auf der obersten Stufe der Eingangstreppe stehend, konnte Gert über ihre Köpfe hinweg bis zur anderen Seite der Halle blicken. Auf einem Podest stand dort mit wallendem Gewand Glücksgöttin Fortuna höchst persönlich. Immer wieder griff sie in das Füllhorn unter ihrem Arm, warf einen Schauer goldenen Münzenregens in die Menge und sofort hob ein vielstimmiges Rufen und Jubeln an. Gert ging die Marmorstufen hinab und schob sich in das Gedränge.

“Ich will auch ein wenig Glück”, rief er so laut er konnte. “Warum lässt du mich nicht gewinnen? Es müssen keine Millionen sein, nur so viel, dass wir eine Weile sorglos davon leben können.”

Rings um ihn herum wurden ähnliche Bitten geschrien. Gert drängte die neben ihm Stehenden zur Seite, wollte weiter nach vorn, damit Fortuna ihn sehen konnte. Nur mühsam kam er in dem wogenden Meer aus Leibern voran und gab es schließlich auf, die anderen übertönen oder wegdrängen zu wollen. Er blieb stehen, fühlte sich verloren. Da wichen plötzlich die Menschen vor ihm zurück, die Menge teilte sich und bildete eine Gasse bis zum Podest Fortunas. Das Stimmengewirr verebbte. Die Göttin richtete ihren Blick auf ihn. Lange und eindringlich sah sie ihn an und Gert meinte, ein sanftes Kopfschütteln zu erkennen. Er verstand, dass sie seine Bitte um Glück und Reichtum nicht erhören würde.

Am folgenden Morgen, es war ein Sonnabend, erzählte er Rike von seinem Traum.

“Du steigerst dich da in etwas hinein, das mir immer mehr Angst macht”, sagte sie. “Wir sollten mit dem Spielen aufhören, bevor du wirr im Kopf wirst.”

“Einverstanden”, entschied Gert. “Ich werde heute nicht spielen gehen.”

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Fortuna” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

One comment

  • 23. April 2014 - 01:48 | Permalink

    Hallo Lutz,
    entschuldige den Überfall hier. Ich habe auf paper.li eine Zeitung eröffnet und muss mich erst noch rein arbeiten. Was mich am meisten interessiert und ich nicht weiterkomme ist die Sache mit dem # um in der Zeitung Artikel zu veröffentlichen. Kannst du mir helfen? Wie verwende ich den #? Freue mich auf Antwort. Wenn du Lust hast auf gegenseitige Verlinkung lass es mich wissen. http://peterkulpe.eu/wordpress. Dir eine schöne Zeit. Gruß Peter

  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

    Powered by: Wordpress