Leseproben

“Geburtstagsgedanken”

Das Leben ist ein Faden, denkt Dorothea, die von allen in der Familie nur Oma Dore genannt wird. Unaufhörlich zieht es an ihm, arbeitet er sich ab. Es ist müßig, nach dem vermeintlichen Rest auf der Spule zu schielen. Er kann reißen, der Lebensfaden, im nächsten Moment; selbst bei größter Vorsicht, ohne ersichtlichen Grund. Oder er verknotet sich, wirft sich in Schlingen, blockiert die Mechanik. So wie gerade jetzt. Dann braucht es geübte, sensible Finger. Ihre Finger, die schnell zur Stelle sind, den Faden entwirren, sein Zerreißen verhindern, wie schon so oft.

Ihre Fußspitze ertastet den Schalter. Die Nähmaschine rattert weiter und zieht den Saum unter der Nadel entlang. Achim kann die gekürzte Hose gleich mitnehmen, wenn er heute Abend wieder geht. Ein Stück ihres eigenen Fadens läuft mit, wenn sie das Garn nun vernäht, durchtrennt und die Jeans für Achim bereit legt. Sie lächelt über diesen seltsamen Gedanken.

Achim blickt vom Steg aus über den See. Er kommt oft hier her und bevorzugt den ruhigen Vormittag, um seinen Erinnerungen nachzuhängen. An dieser Stelle hatte er einst schwimmen gelernt, war mit ungestümem Schwung mitten in die Schar seiner Kameraden gesprungen, hatte die wasserscheuen Gaffer am Rand mit einem kräftigen Schwall bedacht. Glückliche Stunden. Lange her. Verloren.

Schilf und Buschwerk säumten damals dichter als heute den See, waren sein Spielplatz mit unerschöpflichen Abenteuern. Dahinter der Rundweg, der ihm als Trainingsstrecke diente, als er noch von sportlichen Erfolgen träumte. Wie hatte er sich geschunden. Damals, strotzend vor Kraft und Optimismus.

Am anderen Ufer gab es eine versteckte Bucht. Sie war Kulisse einer unerfüllten Liebe, die über begierige Küsse nicht hinaus kam. Ob es den mächtigen Baumstamm dort noch gibt, auf dem sie sich umschlungen hielten?

Aus jedem Blick über die sich kräuselnden Wellen springt eine Geschichte, weckt köstliche Gefühle, die er durch seinem Körper rieseln spürt. Er sieht zu, wie auf den Wellenspitzen die Sonnenstrahlen Funken schlagen. Am Rande dieses Glitzerns, nah beim Ufer, treibt ein Zweig, umspielt von Licht und Wasser hebt und senkt er sich. Als würde er atmen, denkt Achim. Der Zauber dieses Anblicks hätte ihn früher fasziniert und angelockt. Er wäre hinübergewatet, hätte nach dem Zweig gegriffen, ihn emporgehoben, ihn begutachtet und seine Magie ergründet.

Ein gewöhnlicher Ast im Wasser, was ist das schon, holt Achim seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Selbst ein wippendes Stück Holz ist ihm inzwischen an Lebendigkeit überlegen und scheint ihm aus unüberwindbarer Distanz zu spotten.

Achim wendet sich ab. Sein Rollstuhl rumpelt über die Bohlen des Stegs. Einunddreißig Rillen, eine Planke für jedes gelebte Jahr, zählen die Räder, bis der Kiesweg beginnt und das Fahren schwerer wird.

Man könnte glauben, das Leben bestünde aus unzähligen Augenblicken, die sich aneinander reihen, denkt Oma Dore. In Wahrheit ist es aber nur ein einziger und der heißt Jetzt. Er ist winzig, flink und stürmisch; verwandelt alles, was er berührt, sofort in Vergangenheit. Gerade eben springt er zwischen den schwebenden Staubteilchen herum, stößt sich von ihnen ab und ist längst weitergezogen, wenn sie im Gegenlicht erstrahlen. So sehr man sich auch konzentriert, greifbar ist er nicht. Doch man kann ihm nahe kommen, ihn spüren, diesen flüchtigsten und zugleich treuesten aller Augenblicke. Er altert nicht, ist unaufhörliches Beginnen und fühlt sich heute so frisch an wie vor Jahrzehnten.

Sie öffnet das Fenster und schüttelt ihr Staubtuch. Verbrauchte Augenblicke rieseln heraus. Einzig das Jetzt bleibt bei ihr. Was für absonderliche Ideen mich heute anspringen, staunt sie. Doch der Gedanke ist schön. Es steckt Kraft in ihm, er duftet nach Frühling, er könnte Bruno gut tun. Schade, dass er ihn nie verstehen würde.

[…]

© Lutz Schafstädt
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