Leseproben

“Bleibt so, wie ihr seid”

“Jetzt bin ich doch ein wenig aufgeregt,” sagt Frank und blinzelt in die Nachmittagssonne.

“Alles ist perfekt”, beruhigt Simone ihren Mann, “das wird unser großer Tag.”

Sie stehen an der Reling, Schulter an Schulter, blicken zur Hafentreppe hinüber. Gleich werden die Gäste kommen. Wie haben sich Simone und Frank auf diesen Tag gefreut. Im Frühjahr waren beide Fünfzig geworden und hatten bei der Frage nach einer Feier auf den Sommer vertröstet: Dann, zur Silberhochzeit, trommeln wir alle zusammen. Heute. Jetzt.

Die Familie, die Freunde und Kollegen treffen ein. Es wird begrüßt und gratuliert. Eine wirklich gelungene Idee, für das Fest einen Dampfer zu mieten, meint jemand.

„Dampfer?“, fragt Frank. „Das habe ich auch gesagt und wurde belehrt, das Ding heiße Fahrgastschiff, Rufname Belvedere. Für uns macht es heute eine Charterfahrt über die Havelseen. Und zu diesem Brett mit Handlauf sagt der Fachmann Gangway. Los, nun an Bord mit euch, wir müssen hier kein Defilee veranstalten.“

„Sucht euch einfach einen Platz, der euch gefällt“, ergänzt Simone, bemerkt ein Zögern, stupst ihrem Sohn in die Seite und flüstert: „Andi, sieh mal zu, dass nicht allzu sehr gefremdelt wird.“

nadelprobe-coverEin Wink zum Kapitän, schon werden die Leinen eingeholt. Die Maschine beginnt zu brummen, das Schiff legt ab. Simone und Frank nehmen Aufstellung vor dem Kuchenbuffet.

„Ihr Lieben“, Simone räuspert sich, „wir freuen uns sehr, dass ihr alle gekommen seid. Wir wünschen euch und uns ein paar vergnügliche Stunden.“
„Jetzt greift zu den Gläsern“, die Lautsprecher klirren, Frank weicht vor dem Mikrofon zurück. „Fünfundzwanzig Jahre schippern Simone und ich nun gemeinsam durchs Leben. Dieses maritime Bild kann ich euch leider nicht ersparen: Stürme und raue See haben wir durchlebt, lagen vor Madagaskar …“, er lacht laut, „… aber dass wir zwei hier stehen zeigt ja, dass wir alle Klippen gut gemeistert haben. Soviel der Ansprache, ein paar Worte hebe ich mir noch für später auf. Lasst es euch also gut gehen.“ Frank küsst Simone, stößt mit ihr an und erhebt das Glas, um den Gästen zuzuprosten.

Der Diskjockey spielt Schlager, Kellnerinnen laufen mit Kaffeekannen herum, vor den Fenstern gleiten Schwäne vorbei. Frank setzt sich zu seiner Mutter und seinem Schwager Klaus, der ihm mit einem Bleib-wie-du-bist auf die Schulter klopft.

„Ach, ich habe mich wirklich bemüht, all die Jahre“, erwidert Frank. „Mir ist nicht gelungen, ein flotter Vierziger zu bleiben. Ich hab mich ganz von selbst verändert, da war nichts zu machen.“

Seine Mutter blickt auf ihren Teller und nickt.

„Nun gehöre ich auch dazu, zur Generation 50 plus, was Mama? Jetzt können wir beide am Sonntag untergehakt in die Begegnungsstätte zum Tanztee gehen, ohne Probleme mit dem Türsteher zu bekommen. Du nimmst mich doch mit?“

Das Sonnendeck belebt sich. Vom Ufer winken Kinder, die Stadt verschwindet hinter einer Flussbiegung. Simone steht bei ihrem Sohn Andreas und seiner Frau. Silberhochzeit, das ist schon was, meint die Schwiegertochter, und: bleibt wie ihr seid.

„Das würdest du nicht wollen,“ sagt Simone. „Andi vielleicht, der lässt sich gern bemuttern. Ich wäre dafür, das wir uns öfter sehen, nicht nur telefonieren. Wir sollten beweglicher sein, euch besuchen, haben aber auch ein wenig Angst, dass ihr dann wünscht, wir würden bleiben nicht wie, sondern wo wir sind.“

Die Kinder wehren ab, Simone zwinkert und lacht. „Geht ihr mal euren Weg, ich halte mich derweil fit, damit ich auf eurer Silberhochzeit mit den Enkeln tanzen kann.“

Die Musik wird lauter, einige Gäste tanzen. Am Tisch bei Franks Kollegen klingen die Biergläser: Auf dein Wohl, bleib …

„Danke, Hans“, fällt Frank ins Wort, „ich weiß, was du sagen willst. Wir zwei brauchen uns doch nur anzuschauen, um einander zu verstehen.“ Er wendet sich einem jüngeren Kollegen zu. „Hans war schon bei meiner Hochzeit dabei, ich kenne ihn länger als meine Frau. Die ganzen Jahre in der selben Firma, so etwas ist selten geworden heute. Ich will dir auch gar nicht empfehlen, uns nachzueifern. Nur so viel: Es ist völlig egal, welche Arbeit wartet. Wichtig sind die Leute, die morgens mit dir durchs Werktor schlurfen. Wenn sie dir grün sind und du mit ihnen auf einer Wellenlänge schwingst, können viele zufriedene Jahre daraus werden. Müssen es aber nicht und es geht nicht immer danach, was man selbst gern will. Vielleicht hatten wir Glück, oder waren einfach nur sehr genügsam? Was meinst du, Hans?“

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Bleibt so, wie ihr seid” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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