Leseproben

“Expedition”

[…]

Ben ließ sich bis zum Hals in das warme Wasser sinken. Mit geschlossenen Augen horchte er in sich hinein. Die Stiche kehrten zurück. Erst vereinzelt, doch dann vermehrten sich die unsichtbaren Nadeln, begannen zu glühen, zu rotieren und durchstachen seine Eingeweide. Ben atmete tief. Angst stieg in ihm auf. Hinter seinen Lidern flackerten neonfarbene Lichtblitze. Sie rasten wie aus weiter Ferne auf ihn zu, schienen in seinem Kopf als Feuerwerk zu explodieren und hinterließen ein dumpfes Grollen.

Ben versuchte die Augen zu öffnen. Ein grelles Licht blendete ihn. In Panik versuchte er aufzustehen. Das Getöse in seinem Schädel hatten sich ins Unerträgliche gesteigert. Instinktiv nahm er die Hände vom Wannenrand, um sie schützend auf seine Ohren zu legen. Er platschte zurück ins Wasser, rappelte sich auf und schrie. Er brüllte aus aller Kraft um Hilfe, ohne es selbst hören zu können. Im nächsten Augenblick war alles still. Totenstill. Und absolut dunkel.

Ich bin tot, dachte Ben. Allmählich kehrten die äußeren Reize zurück. Zunächst nahm er die Wärme des Wassers wahr. Er saß also noch in der Wanne. Zu der Vorstellung, gerade gestorben zu sein, wollte diese Tatsache nicht passen. Dann hörte er ein Rascheln; Schritten ähnlich, die sich eilig entfernten. Schließlich wurden die Konturen der Umgebung erkennbar. Ben saß wie versteinert: Das Badezimmer hatte sich verändert. Es wölbte sich zu einer matt leuchtenden Kuppel, die umlaufende Wand war kahl und nur durch einen niedrigen Türbogen unterbrochen. Von einem Gang fiel gelbes Licht in den kreisrunden Raum.

Ben fühlte sich benommen und verwirrt. Träumte er? War er in einem Krankenhaus? In einem Operationssaal vielleicht? Warum aber saß er in der Badewanne? Er blickte über den Rand. Die Kacheln der Einfassung fehlten. Die Wanne war nur noch ein grauer Trog mit dürren Metallbeinchen. Sie stand auf einem flachen Podest mitten im Raum. Aus den abgerissenen Leitungen an den Armaturen fielen letzte Wassertropfen auf den Boden. Wo bin ich? Was ist passiert? Wie komme ich hier her? Mit jedem Pulsschlag schoss Ben eine neue Frage durchs Hirn. Seine Situation war absurd, ergab keinen Sinn. Wenn es eine Antwort gab, dann musste sie bei der Tür zu finden sein.

Er beobachtete den Gang, lauschte. Er glaubte Schatten zu sehen und leises Tuscheln zu hören. War dort jemand und verbarg sich vor ihm? Ben dachte noch darüber nach, ob er rufen oder einfach aus der Wanne steigen und hinübergehen sollte, als sich ein surrendes Geräusch näherte. Über die Wand im Gang glitt ein Schatten. Eine kleine Maschine, einem futuristischen Bodenstaubsauger ähnlich, erschien und rollte auf ihn zu. Ein Roboter! Vielleicht von Außerirdischen? Ja, Aliens hatten ihn entführt! Doch warum holten sie ihn erst in ihr Raumschiff, hatten dann aber Angst und versteckten sich vor ihm? Schlagartig wurde Ben bewusst, unter welch kuriosen Umständen er den Außerirdischen gegenübertreten würde: Splitternackt saß er in einer Badewanne, er, der Botschafter der Menschheit, und erwartete die erste Begegnung mit den Bewohnern eines fernen Planeten. Welche Rückschlüsse auf die Zivilisationsstufe der Erde sollten sie daraus ziehen? Die Maschine kam näher. An ihrer Oberseite klappte ein Deckel auf, eine schmale Apparatur wurde sichtbar.

nadelprobe-coverEin Teleskoparm schob sie langsam aus dem Gehäuse in die Höhe und schwenkte zu Ben herüber. Ben wich zurück, sah das Gerät aufblinken. Ein rotes Lichtband, das ihn an einen Scanner erinnerte, richtet sich auf ihn aus und begann seinen Körper abzutasten. Möglicherweise wollten sie nur sichergehen, dass er keine Krankheitserreger mit sich schleppte, dachte Ben. Oder sie erforschten die menschliche Anatomie. Bei allem Verständnis, die Prozedur war ihm peinlich. Er fühlte sich zur Schau gestellt. Der Lichtstreifen, der langsam über seinen Körper wanderte, glich einem gierigen Blick, dem er hilflos ausgeliefert war. Mehrmals glitt er von den Zehenspitzen bis zu seinem Kopf und beschäftigte sich dann besonders auffällig mit dem Unterleib. Ben bedeckte mit den Händen seinen Schoß, konnte das offensichtliche Interesse am Bereich unterhalb seines Nabels jedoch nicht stören. Selbst als er versuchte, sich zur Seite zur drehen, änderte die Maschine einfach ihren Standort und widmete sich wieder intensiv dieser Region.

Unvermittelt endete die Untersuchung. Die Apparatur senkte sich, der Deckel klappte zu, der Kasten rollte hinaus. Ben bemerkte, dass er begonnen hatte, an seinen Fingernägeln zu kauen. Er zog die Knie vor die Brust und schlang die Arme um sie. Minutenlang blickte er auf die Tür und wünschte sich aufzuwachen, oder dass jemand käme und den Scherz aufklärte, oder er endlich von einem extraterrestrischen Begrüßungskomitee hofiert würde.

Dann endlich geschah etwas. Ein Klappern und Scheppern näherte sich. Eine Vielzahl sich hektisch bewegender Schatten wurde sichtbar und schon stand eine Abordnung von sechs Wesen im Türbogen, die nahezu militärisch Aufstellung nahmen. Sie hielten transparente Schilde, mit der sie ihre keilförmige Formation zum Raum hin abschirmten. Zögernd kamen sie näher.

Außerirdische! Sie waren gut einen Meter groß, ihre Körper pummelig, die Beine kurz und ihr Gang watschelnd. Ihre Anzüge waren schwarz und weiß abgesetzt und ähnelten der Livree eines Butlers. Feingliedrige Hände ragten aus den Ärmeln. Lederhäutige Truthahnhälse trugen kleine, kahle Melonenköpfe mit nahezu menschlich wirkenden Gesichtern. Die Gruppe blieb eng zusammen und schritt um das Podest herum. Unablässig verständigten sie sich mit knarrenden Kehllauten. Sie schienen ein schwerwiegendes Problem zu debattieren.

Ben spürte, dass etwas nicht stimmte. Wenn er Minenspiel, Gestik und Stimmengewirr nach irdischen Maßstäben beurteilte, sah es so aus, als seien die Gnome irgendwie irritiert, verunsichert, ja ratlos. Was im ersten Augenblick bedrohlich gewirkt hatte, erschien ihm nun konfus und ein Gefühl von Überlegenheit machte sich in ihm breit. Er hielt die Zeit für reif, Kontakt aufzunehmen und Freundschaft zu schließen.

„Fürchtet euch nicht“, sagte er freundlich lächelnd. „Kommt ruhig näher.“

Die Außerirdischen verstummten und zogen ihre Schilde an sich heran. Ben zuckte unter ihren Blicken zusammen, die gleichermaßen wachsam wie grimmig auf ihn gerichtet wurden. Er ließ sich tief in die Wanne gleiten, hob vorsichtig den Kopf und beobachtete über den Rand hinweg weiter.

Die Wesen berieten sich, verschwanden für einige Zeit und kehrten mit einem Gerät zurück, das dem Scan-Roboter ähnlich, aber erheblich größer war. Im nächsten Moment begann sich der Raum zu verdunkeln. Auf der Wand wurde eine Projektionsfläche sichtbar. In schneller Folge begannen Bilder aufzuflackern. Nur mit höchster Konzentration gelang es Ben, Einzelheiten zu erkennen. Die Motive gingen ineinander über, Details wurden gleichzeitig herangezoomt, zu neuen Bildern gruppiert, überblendet, verschoben und ersetzt.

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Expedition” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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