Leseproben

„Berts große Liebe“

[…]

Mit täglich sinkender Fehlerquote stand Bert auf dem kleinen Parkplatz der Tankstelle. Neuerdings kaufte er sich stets eine Eistüte und schleckte sie im Auto, während er Katja bei ihrer Arbeit zusah. Wie eifrig und zuvorkommend sie zu jedem Kunden war, freute er sich. Und doch war er zweifelsfrei davon überzeugt, dass sich ihr Gesicht ganz besonders erhellte, wenn sich die Glastür für ihn öffnete. Ob sie spürte, dass er auch jetzt in ihrer Nähe war?

Bert grübelte in tausend Varianten darüber nach, wie er das wirkliche Kennenlernen angehen könnte. Er kam zu dem Schluss, dass ihr Arbeitsplatz möglicherweise nicht der geeignete Rahmen für den Auftakt ihrer Romanze war. Deshalb musste er dringend herausfinden, wo und wie sie lebte.

Es war ein Wochenendnachmittag, als er pünktlich zu Katjas Feierabend zur Stelle war. Er wartete, bis sie ihr Fahrrad geholt hatte und fuhr ihr in geringem Abstand mit dem Auto nach. Der Hauptstraße folgend bogen sie schließlich in eine Pflasterstraße, die von alten Linden gesäumt wurde, bis zu einem liebevoll sanierten Wohnhaus aus der Gründerzeit. Katja verschwand in der Hofeinfahrt.

Bert freute sich für sie. Ja, in dieser Gegend ließ sich angenehm leben. Das gepflegte Gebäude und die ruhige, fast beschauliche Straße passten zu ihr. Ganz bestimmt war sie hier glücklich.

nadelprobe-coverEr parkte das Auto, stieg aus und schlenderte den Fußweg entlang. Am Eingang zu Katjas Haus, der zu beiden Seiten von einem kleinen Vorgarten mit niedrigem, schmiedeeisernen Zaun flankiert wurde, blieb er stehen und studierte die Klingelknöpfe. Schnell hatte er gefunden, wonach er suchte. ‚Katharina Hofmann’ stand dort in zwei Zeilen auf ein schmales Schild geschrieben. Deshalb also hatte seine Recherche im Telefonbuch keinen Erfolg gehabt.

„Katharina“, sagte er halblaut. Ein Name mit herrlichem Klang. Viel besser als Katja, dachte er und erinnerte sich, dass auch er eigentlich Berthold hieß. Doch Berthold war für ihn ein so unmöglicher Name, dass er nur zu gern auf die zweite Silbe verzichtete. Katharina hingegen …

Er ging auf die andere Straßenseite hinüber, um sich die Fassade des mehrstöckigen Hauses besser betrachten zu können. Hinter welchem Fenster sie wohl wohnte? Vielleicht schaute sie ja einmal heraus. Doch nein, soviel Glück würde er heute nicht haben. Er beschloss, ein wenig die Gegend zu erkunden und spazierte jeweils rund hundert Meter in jede Richtung. Bevor er sich auf den Heimweg machen wollte, ging er noch ein letztes Mal an ihrem Haus vorbei. Da sah er sie! Ganz kurz. Im Erdgeschoss, rechts neben dem Eingang, blickte sie durch einen Spalt ihrer Vorhänge. In dem Moment, als Bert sie erkannte, war ihr Gesicht ganz nah an der Fensterscheibe. Sofort schnellte es wieder zurück, doch dieser Bruchteil einer Sekunde hatte genügt. Sie war es. Und wie kokett! Zweifellos hatte auch sie ihn erkannt und wollte nicht, dass er bemerkte, dass sie nach ihm sah.

Bert spürte sein Herz tanzen. Der große Augenblick war schon sehr nahe. Eine ganz kleine Hürde noch, und eine Liebe würde sie beide umfangen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat! Jetzt nur einen klaren Kopf behalten, sprach er sich Mut zu. Wie konnte er nur dem größten aller Schritte die Sicherheit geben, die ein Straucheln, so kurz vor der Ziellinie, ausschloss?

Auf dem Heimweg spielte er mit dem Gedanken, ihr einen Brief zu schreiben. Ihre Adresse kannte er nun. Oder sollte er ihr einen Blumenstrauß zukommen lassen, von einem unbekannten Verehrer, bei dessen Identität eine Verwechslung natürlich ausgeschlossen war. Oder er könnte an ihrem Fahrrad die Ventile lockern und ihr dann hilfsbereit zu Hand gehen. Oder die Tankstelle würde überfallen, oder sein Auto könnte sich in der Waschanlage verkanten, oder er würde am hellen Tag mit Sprühfarbe ein Herz auf die Glasfassade malen und Katjas Namen hineinschreiben. Bert lachte stumm und konnte sich nicht entscheiden.

Tags darauf machte er sich wieder auf den Weg, sein Eis zu holen. Er wartete, bis Katjas Kasse frei wurde und steuerte dann zielsicher auf sie zu. Bereits aus einiger Entfernung sahen sie sich an. Bert formte ein Lächeln. Innerlich bis auf das Äußerste gespannt sagte er sich: Jetzt oder nie!

Doch Katja verließ ihren Platz, gerade als er den Verkaufstisch erreichte. Sie verschwand durch eine kleine Tür und Richard Rotkopf kam heraus und kassierte sein Eis ab. Er benahm sich dabei extrem unfreundlich und flegelhaft, stellte Bert fest. Der sollte mal bei Katja in die Lehre gehen. Da könnte er noch einiges darüber lernen, wie man mit Stammkunden umgeht, dachte er ärgerlich und ging.

Bert knabberte am Sahnehäubchen seiner Eistüte. Auf dem Beifahrersitz lag sein Notizbuch. Noch ließ sich dieser Tag nicht als erfolgreich markieren. Durch die Glasfront konnte er erkennen, dass Katja zurückgekehrt war und mangels Kundschaft mit ihrem Kollegen plauderte. Es war einfach Pech. Sicher hatte sie im entscheidenden Moment nur mal kurz zur Toilette gemusst. Sie konnte schließlich nicht ahnen, welche wichtige Weichenstellung für ihr Leben sich ausgerechnet in dieser Sekunde ergeben hätte. Sollte er noch einmal hineingehen? Sie einfach an der Kasse anzusprechen, erschien ihm wieder einmal nicht angemessen. Viel schöner wäre, wenn sie beide allein und ungestört zusammenträfen. In gut vier Stunden war Katjas Schicht vorbei. Dann aber! Noch heute! Berts Entscheidung war gefallen.

[…]

 

© Lutz Schafstädt
„Berts große Liebe“ ist erschienen in %rarr; „Nadelprobe“ ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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