Miniaturen

Alle Jahre wieder …

SternAuf dem Heimweg nach einem vermurksten und obendrein nasskalten Tag, schritt ich auf einem von glitschigen Laubfetzen bedeckten Parkweg die kahlen Baumreihen ab. Grau kroch die Dämmerung hervor und passte die Welt meiner Stimmung an. Dann rumpelte mir ein Gespann direkt vor die Füße: Eine junge Frau, samt Bollerwagen mit zwei warm verpackten Kindern darin, kam aus einem Seitenweg und zwang mich, langsamer zu gehen. Eigentlich hätte ich Vorrang gehabt, dachte ich noch. Die Kleinen, wohl nach absolviertem Kindergartentag, saßen sich gegenüber und waren in ein gemeinsames Fingerspiel vertieft. Da begann das eine Kind zu singen und das zweite stimmte ein:

“Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.”

Klare, helle Kinderstimmen, sauber und inbrünstig gesungene Zeilen. Dieses Lied hatte ich lange nicht mehr gehört, der Advent zog für gewöhnlich weniger traditionell an mir vorbei. Und nun schmetterten sie mir ungebeten ihre frohe Botschaft in die Ohren. Gleich noch einmal von vorn: “Alle Jahre wieder …”

Nachdem die beiden volkstümlichen Verse zum dritten Mal verklungen waren, nahm die Mutter die Deichsel des Wagens in die andere Hand, drehte sich lächelnd zu ihren Kindern um und sang vor, während sie einige Schritte rückwärts lief, wie das Lied weitergeht:

“Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.”

Die beiden Kleinen lauschten, ihre Mama schickte mir ein freundliches Zwinkern und wandte sich wieder um. Unvermittelt blieb ich stehen und ließ, während sie davon rollten, in Gedanken noch einmal die Liedzeilen auf mich wirken. Hatte ich sie je zuvor wirklich bewusst wahrgenommen? So schöne Verse, deren Melodie eigentümlich in mir nachhallte. So viel Harmonie auf engstem Raum. Freude. Zuversicht. Jedes Wort eindringlich und berührend. Plötzlich fiel mir ein, wie das Lied weiter ging:

“Ist auch mir zur Seite still und unerkannt,
daß es treu mich leite an der lieben Hand.”

Wie ergreifend! Ich musste einmal tief durchatmen. Dann blickte ich mich vergewissernd um, machte einen Schritt an den Wegesrand – und sang die letzte Strophe. Als meine Stimme verklang, war es still im Park. Feierlich still. Um mich herum war Weihnachten.

(c) Lutz Schafstädt 2017

One comment

  • 15. Dezember 2017 - 18:47 | Permalink

    Hi Lutz!
    Kann ich nachfühlen, obwohl ich in einer Gegend wohne, wo es selten grau ist, nur die Stimmung hält nicht immer Schritt. Und dann kommt jemand und lacht Dich an und die graue Stimmung verzieht sich.
    Herzlichst
    Detlev

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