Leseproben

„Systemabsturz“

[…]

„Jetzt starten wir richtig durch“, sagte Leo beim Abendessen zu seiner Frau.

“Nicht übermütig werden“, erwiderte Tina. „Du weißt noch nicht, wie es in der neuen Firma läuft.“

“Schwarzmalerin“, lachte Leo. „Die können ja nicht alle gleich Konkurs gehen, wenn ich komme. Von meinem ersten Gehalt kauf ich dir Opernkarten und im Sommer machen wir einen richtigen Urlaub am Meer, was Basti?“ Er wuschelte seinem Sohn durchs Haar.

Tags darauf wurde Leo in das Büro des Geschäftsführers gebeten. „Zum Begrüßungsritual“, meinte die Sekretärin und schon saß er seinem neuen Chef gegenüber. Noch einmal hörte Leo sich an, was er schon im Einstellungsgespräch erfahren hatte: Er würde als Programmierer an einer Datenbanklösung mitarbeiten. Später sollte sich daraus ein Produkt entwickeln, voll innovativer Power, mit riesigen Marktchancen, ein Selbstläufer für Wachstum, Sicherheit, Erfolg …

„Wir haben Sie für unser wichtigstes Projekt geholt und setzen große Erwartungen in Sie. Nutzen Sie Ihre Chance. Unser Team ist eine große Familie, die Sie unterstützen wird. Wir schauen hier nicht auf die Uhr, sondern auf die gemeinsamen Ziele. Außerdem haben wir es hier nicht so mit Hierarchien und reden uns mit Vornamen an. Ich bin Klaus.“ Der Geschäftsführer begleitete Leo zur Tür. „Peter wird dir nun deinen Arbeitsplatz zeigen. Auf gute Zusammenarbeit.“

Peter wartete bereits im Flur. Er führte Leo in ein Großraumbüro, stellte ihn den Kollegen vor und wies ihm einen Schreibtisch zu. Für den ersten Arbeitstag lag ein Stapel Papiere bereit. „Lese dich ein und notier deine Fragen. Alles Weitere besprechen wir später.“

nadelprobe-coverWochen später plauderten Leo und Peter in der Teeküche miteinander.

„Eines noch“, sagte Peter und vergewisserte sich, dass sie ungestört waren. „Du bist ein prima Kollege, aber mach dir keine Hoffnungen, dass der Chef dich behält. Wenn das Projekt ausläuft, wirst du wieder im Regen stehen.“ Er machte einen Schritt auf Leo zu. “Glaub mir, das habe ich schon einige Male erlebt. Wenn die Kapazitäten eng werden, wird einfach durchgerechnet was günstiger ist – ein freier Mitarbeiter oder eine Einstellung für ein paar Monate bei dürftigem Gehalt. Diesmal warst du die billigste Lösung. Und damit das Hamsterrad richtig Schwung bekommt, hält man dir die Festanstellung als Köder vor die Nase.“

Leo erwiderte nichts. Er drehte sich um und ging mit hängenden Schultern an seinen Arbeitsplatz zurück.

Mit zusammengepressten Lippen hörte Tina Leo zu.

“Hinterhältig ist er. Will mich verunsichern. Herausdrängen. Ich bin eine Bedrohung für ihn. Wenn der um Sechs seinen Rechner runterfährt hole ich mir noch einen Kaffee.“

“Und was, wenn er Recht hat?“

Leos Kopf lief rot an. Die Adern an Hals und Schläfen quollen hervor. „Ich – ich bin verdammt gut, verstehst du. Peter weiß das und Klaus nicht minder. Ich spinne Stroh zu Gold für die. Meine Ideen für die Schnittstellen waren genial. Nie hätten sie das ohne mich hinbekommen. Ich sag dir, wer Angst haben muss, auf die Streichliste zu rutschen, ist Peter selbst!“

“Du wurdest als letzter eingestellt und kennst die Spielregeln mit der Probezeit. Halte einfach die Augen offen.“

“Nein, das lass ich mir nicht gefallen.“

[…]

 

© Lutz Schafstädt
„Systemabsturz“ ist erschienen in → „Nadelprobe“ ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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