Leseproben

“Mein siebter Sinn”

[…]

Endlich erreichte ich die Wohnsiedlung, machte auf leerer Straße etwas Tempo und bog in die Auffahrt ein. Ich ging hinter das Haus, von den Kindern war nichts zu sehen und zu hören. Garten, Spielwiese, Terrasse und Geräteschuppen – alles in unverdächtiger Ordnung.

Im Flur standen die Schuhe aufgereiht, die Küche war aufgeräumt. Im Wohnzimmer blinkte das Lämpchen am Telefon still vor sich hin. Sie haben sogar daran gedacht, das Licht an der Treppe auszuschalten, dachte ich auf dem Weg nach oben anerkennend.

Ich öffnete die Tür zum Kinderzimmer. Da saßen die vier Jungen, aufgereiht auf der Bettkante, vor einem Bildschirm und mit den Steuerungen der Spielkonsole in den Händen. Überraschte Blicke flogen mir entgegen. Tom und Felix, meine Söhne, sprangen auf.

Fehler, dachte ich augenblicklich. Was tat ich hier eigentlich? Es lag auf der Hand, dass sie sich kontrolliert fühlten. Ich hätte mir einen Grund für meinen Besuch zurechtlegen sollen. Ich suchte nach Worten, setzte ein möglichst zwangloses Lächeln auf und sagt dann: “Hallo. Alles klar bei euch?”

Betretenes Schweigen. Sie wirkten irgendwie ertappt. Felix stupste Tom mit der Schulter an, was ich mir mit “Hab ich es dir nicht gesagt” übersetzte. Jetzt galt es, die Situation offensiv anzugehen. Nichts ist normaler als ein Vater, der nach seinen Kindern sieht.

“Warum sitzt ihr bei dem schönen Wetter im Zimmer herum?”, stellte ich klar, wer hier zur falschen Zeit am falschen Ort war. Es klang jedoch selbst in meinen Ohren hohl. Ich wusste doch, wie vernarrt sie in Computerspiele waren. Hatte ich nicht allen Grund, mich darüber zu freuen, sie hier so einträchtig und wohlbehalten zu sehen?

“Was spielt ihr denn?”, fügte ich im Plauderton an, um die verkrampfte Stimmung aufzulockern. Außerdem wollte ich die Gegenfrage verhindern, die ich Felix bereits an der Nasenspitze ablesen konnte.

“Prinz”, antwortete er kurz. Sehr auskunftsfreudig oder gar einladend klang das nicht.

“Wie, Prinz?”

Wieder klappte es nicht mit dem rechten Ton, das hätte ich auch freundlicher fragen können.

“Prinz von Persien.”

nadelprobe-coverDieses Spiel kannte ich, hatte es in meiner Jugend selbst gern gespielt. Sofort hatte ich das metallische Schnarren parat, mit dem sich meine Erinnerung daran vor allem verband. Es ertönte, wenn der pixelige Held zwischen blutverschmierten Klingen starb und hatte mich jedes Mal aufs Neue erschauern lassen.

Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie die modernen Geräte diese Szene inzwischen ausschmückten. Waren die Kinder dafür schon alt genug? Ich vertagte diese Frage und entschied stattdessen, mich als Auskenner zu präsentieren.

“Ein schönes Spiel. Als ich jung war, hatte ich es auf Diskette. Das sagt euch wahrscheinlich nichts. Disketten waren etwa so groß wie ein Bierdeckel und wurden in ein Laufwerk am Computer gesteckt, in dem es raspelte wie in einem kleinen Sägewerk.“

Ich verstummte, weil es mir nicht gelang, die Blicke der Jungen zu deuten. Interessiert, erstaunt, verwundert? Wohl eher verständnislos. Kein Wunder, ich hatte sie einfach nur gestört und fing nun auch noch unvermittelt an, Geschichten aus der Vorzeit zu erzählen.

“Zeigt doch mal.” Ich machte einen Schritt ins Zimmer, die Kinder wichen vor mir zurück.

“Papa, was machst du hier?”, fragte Felix fast flehend. Er hatte Recht. Es war höchste Zeit für mich, das Feld zu räumen und zur Werkstatt zurückzukehren.

“Ich brauche etwas aus dem Schuppen für die Arbeit. Wollte euch nur Hallo sagen.”

“Was ist es denn? Ich hole es dir”, bot Tom sich an.

“Nein, spielt ruhig weiter.”

Unvermittelt schoss Eifer in die Jungen.

“Wir wollten sowieso gerade runter.” Felix schob einen Freund zur Seite, schaltete schnell alle Geräte aus. “Zum Fußballplatz”, sagte er mehr zu den anderen als zu mir und schon drängten sie an mir vorbei.

Verdutzt über diesen überstürzten Aufbruch schaute ich ihnen nach und hörte die Haustür ins Schloss fallen. Hier stimmte etwas nicht.

Mit aufmerksamem Blick ging ich durch das Haus und schließlich in den Garten. Wie ich vermutet hatte, war der Geräteschuppen unverschlossen. Ich öffnete die Tür und fand sofort bestätigt, dass mein Instinkt mich nicht getäuscht hatte. Das Glas im Fenster an der Seitenwand war zerschlagen, in spitzen Zacken hingen die Reste im Rahmen. Fast war ich froh darüber. So erhielt mein Überraschungsbesuch doch noch seine Berechtigung.

Wegen einem Missgeschick beim Ballspiel im Garten hätten sie doch nicht vor mir flüchten müssen, dachte ich schmunzelnd und wollte mich daran machen, die Scherben aufzukehren. Doch da waren keine, nicht der kleinste Splitter war zu sehen.

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Mein siebter Sinn” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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