Miniaturen

Baby an Bord

babyDie Straße zum Bersten voll. Die ganze Stadt scheint unterwegs, fährt dem Leben entgegen – oder davon. Ich habe mich eingereiht.

Auf der Heckscheibe des Autos vor mir prangt ein Aufkleber: “Baby an Bord”. Eine schöne Botschaft, verkündet mit einem Warndreieck. Seltsame Sache. Von mir gibt es für die junge Familie in ihrem alten Polo nichts zu befürchten. Geduldig zuckeln wir gemeinsam unseren Zielen entgegen. Geht es zu einem Ausflug ins Grüne?

Ich wechsele die Spur, werde zum Nachbarn, recke den Hals. Was der Nachwuchs auf dem Rücksitz wohl macht? Schlafen? Schreien? Spielen?

Nein. Er schickt mir einen knurrigen Blick, stellt sein Gesicht auf Argwohn. Ein massiger Junge, zusammengefaltet auf seinem Sitz, unreine Haut, Bartflaum am Kinn. Über Stöpsel in den Ohren ist er mit seiner Welt verbunden. Und jetzt glotzt ein Fremder herein. Eindringlingsalarm!

Ich bin nicht minder überrascht, akzeptiere die Dimensionen des Babys und sende ein versöhnliches Zwinkern. Die Kontaktaufnahme bleibt unwillkommen. Der Junge dreht sich weg. Papa, eben noch beide Hände am Steuer und Augen geradeaus, hört auf darüber nachzudenken, warum der Sohnemann immer noch nicht weiß, was er einmal werden will. Mama ist alarmiert, ihren Kleinen vor den Gefahren einer unberechenbaren Welt zu beschützen. Alle drei schauen böse zu mir herüber, reden miteinander – oder mit mir?

Der Verkehr steht, wir sind zur Nähe verurteilt. Ich zwinge mich, gelassen und unbeteiligt zu wirken. Wegschauen, unbedingt. So arg zu stören lag nicht in meinem Sinn.

Endlich geht es weiter. Die Ampel ruft Halt, doch Papa gibt Gas. Der Polo flutscht unter dem roten Signal hindurch über die Kreuzung. War ich das? Fast eine Flucht. So rasant, wie eine Kindheit verfliegt.

(c) Lutz Schafstädt

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