Miniaturen

Grizzlybär

tatzeIch hatte einen Traum. Ich war auf einer Waldlichtung. Undurchdringliches Dickicht ringsum und keine Machete zur Hand. Da raschelt es plötzlich im Geäst, die Baumwipfel schwanken, ein dumpfes Grummeln wird hörbar. Ein mächtiger Bär bricht aus dem Unterholz. Ich springe zur Seite, verstecke mich. Ein Riese von Grizzly schüttelt sich das Laub vom Rücken. Unter seinem Fell zucken kraftvoll die Muskeln seiner Schultern. Dann bäumt er sich auf, stellt sich auf seine Hinterbeine, kreist mit den Vorderpfoten durch die Luft, reckt den Kopf in die Höhe und brüllt. Er brüllt so voller Inbrunst, dass jedes andere Geräusch im Wald zu verstummen scheint.

Doch es schwingt nichts Bedrohliches in seinem Gebrüll. Ich spüre keine Gefahr, meine vielmehr, eine Aura von Stolz und Glück wahrzunehmen. Kann das sein? Zähnefletschen, geschärfte Krallen und dann dieses Leuchten in den Augen? Der Bär lässt sich wieder auf seine Tatzen fallen. Der Boden vibriert. Unter den Hieben seiner seine Pranken fliegen Baumstämme und trockenes Geäst aus dem Weg.

Auf der freigeräumten Waldwiese beginnt der Grizzly langsam im Kreis zu gehen. Er brummt. Erst leise, dann mit festem, sonorem Bass. Zu jedem Schritt gesellt sich ein Laut. Schon wird ein Rhythmus hörbar. Er wankt im Takt. Er knurrt, er geht. Er grummelt, er schwingt. Er brummt, er tanzt. Er singt:

Wenn, – Ich. – Ein. – Vög. – Lein. – Wär. – Und. – Auch. – Zwei. – Flü. – Gel. – Hätt …

Ich wachte auf. Hatte ich wirklich gerade von einem Bären geträumt, der auf einer abgeschiedenen Lichtung einen Tanz aufführt? Und dabei ein Lied singt? Und vom Fliegen träumt? Das passte doch alles nicht zusammen. Es sei denn – natürlich, so musste es sein – da war Liebe im Spiel. Liebe macht schwerelos. Und gestern war Valentinstag.

(c) Lutz Schafstädt, 2014

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