Miniaturen

Menschenkenntnis

hundeblickMann und Hund. Sie kommen mir auf dem schmalen Gehsteig entgegen. Beide haben breite Schultern. Der junge Mann blickt mürrisch aus verkniffenen, dunklen Augen vor sich hin. Sein Shirt ist verschwitzt, trainierte Muskelpakete quellen aus den Ärmeln hervor, in Schulterhöhe reich mit Tätowierungen verziert. Seine Ellenbogen sind ausgestellt und schwenken kraftvoll bei jedem Schritt.

Der kurzbeinige Hund hat einen gedrungenen Kopf und zeigt seine Reißzähne. In seinem Gang meine ich die Seelenverwandtschaft zu seinem Herrchen zu erkennen. Grobe Gemüter, vermute ich, die sich bei ihren Marsch durch die Stadt von keinem Hindernis von ihrem Weg abbringen lassen. So, wie sie sich mir beide nähern, signalisiert jede Bewegung, dass mit ihnen nicht zu Spaßen sein wird. Ich entschließe mich vorsorglich, nicht zum Hindernis zu werden, weiche aus, verlege meine Schritte ganz an den Rand des Weges.

Schon sind wir auf gleicher Höhe. Der Blick des Mannes trifft und überrascht mich. Hell und direkt schaut er mich an, ein Lächeln formt sich um seine Lippen, wird von einem deutlichen Nicken verstärkt. “Guten Tag”, grüßt er und selbst der Hund widmet sich mir mit einem interessierten Schwenk des Kopfes. “Hallo”, gebe ich den Gruß zurück und schon sind wir aneinander vorbei gegangen.

Ich bleibe stehen, blicke ihnen nach und bin verwundert. Was für ein einträchtiges Paar, das da, von einer freundlichen Aura umgeben, seiner Wege zieht. So kann es einem gehen, wenn man seine Vorurteile für Menschenkenntnis hält.

(c) Lutz Schafstädt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Powered by: Wordpress