Leseproben

“Enthüllung”

[…]

Kruse geht in die Wohnung der Verstorbenen hinein, durch einen winzigen Flur, dann rechts in die Küche. Der einzige Stuhl in dem schmalen Raum steht unter dem noch immer geöffneten Fenster. Er schiebt ihn mit der Fußspitze zur Seite, schließt die Fensterflügel, richtet die Vorhänge, schaut sich um. Alles ist bemerkenswert aufgeräumt. Auf der Arbeitsfläche neben dem Herd liegt die Morgenzeitung. Daneben steht eine Tasse. Auf der Milch in ihr treibt eine tote Fliege. Er stupst sie mit dem Zeigefinger an. Noch ein Selbstmord, kommt ihm in den Sinn, als sich keines der Beinchen regt.

Schritte nähern sich. Der Kollege bringt die Nachbarin, eine kleine alte Dame in Kittelschürze und mit aufgeregt zuckenden Augen.

„Das ist Frau Weinert, Herr Kruse.“

„Guten Morgen Frau Weinert. Sie haben den Notruf benachrichtigt?“

Er reicht ihr die Hand, bietet ihr den Stuhl an. Sie macht eine abwehrende Geste, atmet hastig.

„Sollen wir uns lieber in Ihrer Wohnung unterhalten?“

„Nein, nein, schon gut. Es ist nur so schrecklich. Die junge Frau. Ist an mir vorbeigefallen. Vor dem Fenster. Ich habe gerade meine Blumen zur Seite gestellt, um zu lüften, wissen Sie. Wie furchtbar. Ganz verrenkt und krumm hat sie im Gestrüpp gelegen, wissen Sie. Aufgespießt. Voller Blut.“

„Kannten Sie sich gut?“

„Wie man sich so kennt, wissen Sie. Guten Tag, guten Weg. Manchmal haben wir uns auf der Treppe eine Minute unterhalten. Eine nette Frau. Heute früh hörte ich sie noch im Treppenhaus, als sie von der Arbeit kam. Sie hatte viele Nachtdienste, wissen Sie. Und nun lebt sie schon nicht mehr.“

„Was hat sie denn beruflich gemacht?“

nadelprobe-cover„Was mit Telefon. Hat sie mir erzählt, wissen Sie. Einsame Leute haben bei ihr angerufen. Die Zeiten sind ja so. Keiner kümmert sich mehr um den anderen. Sogar die Familien gehen kaputt. Und wenn so jemand mal über seine Sorgen reden wollte, war sie da. Die gute Frau. Ich habe sie gefragt, wissen Sie. Man wundert sich ja, wenn einer immer nachts aus dem Haus geht. Aber gerade dann bräuchten die armen Menschen sie am nötigsten. Das sagte sie.“

„Hat Frau S. alleine gewohnt? Hatte sie einen Freund, Verwandte oder kamen oft Besucher?“

„Nein. Keine Ahnung. Hab mich auch gewundert, wissen Sie. Dass sie sich keinen Mann gesucht hat. Immer allein ist nicht gut, hab ich ihr gesagt. Am Ende braucht sie noch selber Hilfe. Ist doch schädlich für die Seele, so allein auf die Dauer.“

„Darüber haben sie mit ihr gesprochen?“, fragt Kruse erstaunt.

„Natürlich. Ich glaube sogar, sie war dankbar, dass ich gefragt habe. Sie hat frei von der Leber gesagt, dass sie raus und was ändern will. Neulich erst. Ist doch klar, dass man irgendwann genug davon hat, den Kummer fremder Leute auf sich laden zu lassen. Sie hatte nicht mehr genug Kraft dafür, wissen Sie.“

„So hat sie das formuliert?“ Kruse spürte, dem Motiv für den Suizid auf der Spur zu sein.

„Na, nicht wörtlich, aber ungefähr. Erzählt hat sie mir, dass sie gute Aussichten auf eine neue Arbeit hat. Vorher wollte sie ein paar Wochen ausspannen und verreisen. Die arme junge Frau. Eben macht sie noch Pläne und nun hat sie sich in den Tod gestürzt.“

„Danke, Frau Weinert. Sie haben uns sehr geholfen. Ich werde mich noch einmal an Sie wenden, wenn ich Fragen habe.“

Kommissar Kruse bringt die Nachbarin bis zur Tür, verabschiedet sich und geht dann ins Wohnzimmer. Sind beruflicher Druck, Burnout oder Depressionen das Motiv für diesen Selbstmord? Er zweifelt daran. Private Probleme vielleicht? Er hofft, ein Indiz dafür zu finden oder gar einen Abschiedsbrief. Wer gießt sich erst Milch in die Tasse und springt dann aus dem Fenster?

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Enthüllung” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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