Leseproben

“Nadelprobe”

[…]

Am Treff im Park gab es ein stetiges Kommen und Gehen. Als die Dämmerung einsetzte hatten sich viele für andere Möglichkeiten entschieden, den Freitagabend zu verbringen. Schließlich waren es neben dem Trio aus Florian, Henrika und Peter noch ein halbes Dutzend weiterer junger Leute, die sich zum Bleiben entschieden. Schnell wurden die Vorräte an Getränken und Knabbereien aufgestockt, dann trug man unter einer Lampe am Uferweg drei Bänke zusammen und ließ sich in einträchtiger Runde nieder.

Henrika hatte sich neben Florian gesetzt, Peter nahm auf der Bank schräg gegenüber Platz.

Pia aus seiner Klasse rückte an ihn heran, stupste ihm in die Seite und sagte: „Wenn du weg bist, Pitti, hat Floh die Ricke ganz für sich alleine.”
Kein sehr origineller Spruch, um ein Gespräch zu beginnen. Peter wusste, dass Pia von einer intensiveren Bekanntschaft mit ihm nicht abgeneigt wäre, doch sie war nicht sein Typ.

„Hat er doch jetzt schon, wie du siehst”, erwiderte er.

„Gibst du mich etwa frei?”, mischte sich Henrika lachend ein.

„Ja, ich reiße dich aus meinem Herzen”, versuchte Peter, die heitere Stimmung aufzugreifen. Zweideutige Witzeleien waren sie gewohnt.

„Hörst du, Liebster”, wandte Henrika sich Floh zu und schmiegte sich an ihn. „Er schickt mich in deine Arme. Deine Sorgen waren unbegründet.”
In der Runde wurde gekichert. Henrika strahlte, Florian verdrehte die Augen und Pia rümpfte die Nase. Peter empfand die Theatralik etwas dick aufgetragen und beschloss, den auf ihn peinlich wirkenden Spaß nicht noch weiter zu treiben.

„Was machst du eigentlich nach dem Sommer?”, fragte er Pia, um zwanglos das Thema zu wechseln.

„Ich bin noch in der Warteschleife mit meinen Bewerbungen”, antwortete sie und holte Luft für den nächsten Satz.

„Ach so”, beeilte sich Peter, um nach diesem ganz klar misslungenen Einstieg gleich wieder durch den Notausgang zu verschwinden. Über Probleme wollte er sich wirklich nicht unterhalten und Pia war dafür berüchtigt, gern über die Welt zu klagen, die ihr ein so schlechtes Zeugnis beschert hatte. Er hätte es wissen müssen.

„Fährst du in den Ferien weg?”, fragte er nun, um gleich ein wenig mit den eigenen Urlaubsplänen prahlen zu können. Pia berichtete munter, dass es schon nächste Woche mit der Schwester nach Spanien gehen solle. Peter hörte nur flüchtig zu und wurde von einem Blick angezogen, der von Florian kam und ihm ein kaum sichtbares Kopfschütteln schickte. Also sollte er nichts von der Ostsee erzählen? Fürchtete Floh etwa, Pia oder andere in der Runde würden sich anschließen wollen? Auch gut. Er ließ das Gespräch verebben und verlegte sich aufs Zuhören.

nadelprobe-coverSchnell wurde es dunkel. Die Runde saß im Lichtkegel der Lampe über ihnen, der Park war in ein diffuses Grau gesunken, in das entfernte Lampen ihre gelb leuchtenden Trichter kippten, die Baumreihe am anderen Ufer des Flüsschens hatte sich in einen finsteren Vorhang verwandelt. Die Welt war kleiner und der Kreis enger geworden.

„Es soll in unserer Gegend tollwütige Füchse geben”, sagte jemand.

„Ja”, meint der nächste, „erst kürzlich ist hier im Park ein Jogger gebissen worden und dachte, es wäre ein Fuchs gewesen.”

„Dabei warst du es wohl?”

„Er ging zum Arzt und der gab ihm vorsichtshalber eine der fürchterlichen Tollwutspritzen in den Bauchnabel. Doch schon beim nächsten Vollmond wuchs ihm plötzlich Fell und er streifte als Werwolf durch die Nacht.”

„Da haben wir Glück, dass heute kein Vollmond ist.”

„Der Mann gilt bis heute als vermisst. Man hat nie wieder etwas von ihm gesehen oder gehört. Bestimmt suchte er sich für sein blutdurstiges Geheimnis ein neues Revier, in dem er mehr Platz zum Streunen hat und leichter seine arglose Beute schlagen kann.”

Die kleine Geschichte fand Anklang. Ein Spiel war geboren und der nächste versuchte sich daran, mit einer eigenen gruseligen Episode für etwas Gänsehaut zu sorgen.

„Als unsere Stadt noch ein winziges Nest war, gab es eine kleine hölzerne Dorfkapelle mit einem Friedhof drum herum. Sie stand hier im Park, irgendwo ganz in unserer Nähe. Der Ort wuchs und eine größere Kirche wurde gebraucht. Da fackelte man die nutzlos gewordene Kapelle einfach ab und entfernte die Grabsteine auf dem Friedhof. Die Toten wurden gedankenlos zurückgelassen, doch die verübelten es den Lebenden, dass sie von ihnen vergessen worden waren. Bei jedem späteren Versuch, auf der frei gewordenen Fläche neue Häuser zu bauen, offenbarte sich ihr Groll. Kaum waren die Gebäude errichtet, gingen sie auch schon in Flammen auf. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass das Gelände hier verflucht sei und man machte fortan einen großen Bogen darum. Über die Jahre vergaß man den Grund, warum diese große Wiese mitten in der Stadt über Generationen hinweg Brachland geblieben war und machte einen Park daraus. Doch die Toten, direkt hier unter unseren Füßen, warten immer noch darauf, sich an den Nachgeborenen zu rächen. Vielleicht ist es heute soweit.”

Der Erzähler schwieg, um mit einer ausgiebigen Pause allen Gelegenheit zu geben, sich umzuschauen und nach mysteriösen Geräuschen zu lauschen.

„Möglicherweise sind wir gerade in höchster Gefahr. Die Überlieferungen besagen, dass die Toten zur Strafe Kinder der Stadt, und das sind wir ja alle, in ihr dunkles Reich ziehen werden. Knöcherne Hände werden aus den Gräbern schnellen und mit eisigem Griff unsere Beine packen. Im gleichen Augenblick wird sich der Boden unter dem Gras verflüssigen und wir werden in die morastige Tiefe gleiten, noch ehe wir um Hilfe schreien können.”
Die gesenkte, fast flüsternde Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht.

„Pia, Vorsicht”, wurde sie plötzlich laut. „Hinter dir bewegt sich was!”

Pia schnellte herum und schüttelte sich dann den Schreck von ihren Schultern.

„Das war wirklich schaurig”, sagte sie und war nun selbst gefragt, den Reigen fortzuführen. Sie erzählte von lebendig Begrabenen, die als Zombies Jagd auf wehrlose Menschen machten, um sich von ihren Eingeweiden und pulsierenden Hirnen zu ernähren.

Weiter ging es mit Geschichten von Vampiren, Geistern und Wahnsinnigen, die mit furchterregenden Grausamkeiten den nächtlichen Park bevölkerten. In den Pausen wurde das leise Prickeln auf der Haut, das sich immer wieder erfolgreich einstellte, mit anerkennenden Kommentaren vertrieben. Hin und wieder war es wirklich unheimlich, und Peter meinte manchmal sogar, Blicke in seinem Rücken oder Berührungen in seinem Haar zu spüren. Während all der packenden Berichte vergaß er völlig, sich vorab ein paar Gedanken für sein eigenes Schauermärchen zu machen. Als das Wort an ihn ging, hatte er keinen Anfang parat.

„Die besten Themen sind schon durch”, versuchte Peter sich Bedenkzeit zu beschaffen. „Was gäbe es da noch. Das ist wirklich schwer. Gut, einen Mutanten hätte ich da noch für euch.”

Peter erzählte von einer Kreatur, die ein verrückter Professor bei Genversuchen schuf, während er der Unsterblichkeit auf der Spur war. Es entstand ein Mutant mit gigantischen Kräften, der zudem noch unverwundbar war. Als der sich seines elenden Schicksals bewusst wird, befreit er sich aus dem Laboratorium und lauert der Familie seines Schöpfers auf, um Rache zu nehmen. Er tötet den Professor, entführt dessen Frau und verschleppt sie in eine abgelegene Höhle.

Während er sprach, bemerkte Peter die Sackgasse, in die er sich manövriert hatte. Seine Geschichte wurde immer mehr zu einer Mixtur entlehnter Filmmotive von Frankenstein bis Hulk. Die Action war gut dosiert, nur das Gruseln wollte sich nicht recht einstellen. Da fiel ihm ein, dass sein Monster ja unsterblich war. Also ließ er kurzer Hand seine Gefangene sterben, den Mutanten, der in Liebe entflammt war und den Tod nicht verstand, vor Kummer in seiner Höhle brüllen und sich bis zum heutigen Tag auf die Suche nach einer neuen Gefährtin machen und jede zerschmettern, die der schönen Frau des Professors nicht ähnlich sah.

Doch auch diese Wendung kam Peter irgendwie bekannt vor. Er erzählte noch schnell von aktuellen Meldungen, die sich mit unerklärlichen Todesfällen junger Frauen in der näheren Umgebung beschäftigten und war froh, ein halbwegs akzeptables Ende gefunden zu haben.

„Sorry, so prickelnd war das leider nicht”, sagte er.

„Quatsch. Deine Geschichte war spannend. Gut ausgedacht”, waren sich die Freunde einig.

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Nadelprobe” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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