Leseproben

“Zwischenfall im Advent”

[…]

„Herr Kühn“, hörte er hinter sich eine aufgeregte Stimme. „Herr Kühn, kommen Sie schnell! Alles kaputt geschlagen! Es ist ungeheuerlich!“

Der sich nähernde Schatten wurde zu einer Frau, die er vom flüchtigen Sehen kannte. Sie wohnte am Waldrand, am Ende der Straße, und er war verblüfft, dass sie seinen Namen kannte.

„Na, beruhigen Sie sich erst einmal. Was ist denn passiert?“

„Die Lämpchen. An unserer Tanne“, erklärte sie atemlos. „Jemand hat sie zerstört. Zerschossen! Eines nach dem anderen. Einfach ausgeschossen. Und der Stern an der Haustür: dasselbe.“

„Aber wer macht denn so etwas und vergreift sich …?“, fragte er halb erstaunt, halb zweifelnd und warf einen besorgten Blick auf das Lichtermeer vor seinem Haus.

„Genau! Sie sind doch Polizist. Sie müssen sich das ansehen.“

nadelprobe-coverEr sei nicht im Dienst, wollte er ihr antworten. Sollte sie doch seine Kollegen auf dem Revier anrufen. Weil aber sehr wahrscheinlich war, dass sie maßlos übertrieb, entschied er sich, zunächst einmal selbst einen Blick auf den Schaden zu werfen. Sie gingen die Straße hinauf, vorbei an glitzernden Fenstern und Fassaden.

„Ich kann mir denken, wer zu so einer Gemeinheit fähig ist“, keuchte die Frau. „Die Meiers von nebenan! Die haben sich erst neulich beschwert. Dass unser blinkender Schneemann in ihr Schlafzimmer leuchtet. Sie verrückt macht! Die haben immer was zu meckern. Keinen Sinn für Schönheit! Haben Sie schon deren Fichte gesehen? Mickrig.“

„Nun immer langsam“, erwiderte Kühn und dachte darüber nach, ob die kleinen Wölkchen, die aus ihrem Mund strömten, wirklich nur von der Kälte verursacht wurden.

„Sie werden es schon sehen. An den Spuren.“

Ein älterer Mann kam ihnen entgegen. Schon von weitem rief er: „Das können Sie sich nicht vorstellen, was eben passiert ist.“

„Ihre Weihnachtsbeleuchtung? Kaputt?“, fragte die Frau und der Alte blieb überrascht stehen.

„Woher wissen Sie?“

„Bei uns auch! Hier, Herr Kühn. Der ist Polizist. Wir wollen gerade zum Tatort.“

„Halt, halt“, mischte Kühn sich ein. „Keine voreiligen Schlüsse. Wo wohnen Sie denn?“

„Bei mir, schräg gegenüber“, übernahm die Frau das Antworten. „Oh, es ist ein Anschlag. Auf den Weihnachtsfrieden. Bestimmt sind noch mehr betroffen.“

Kühn sah, dass in etwa hundert Metern Entfernung ein weiterer Anwohner vor sein Haus trat. Was, wenn sie recht hätte? Er sollte besser seine Kollegen anrufen.

„Sie können die Attentäter vielleicht noch fassen“, trieb die Frau zur Eile an und zog an seinem Arm. „Es kann nicht lange her sein.“

„Das sind Neider, ich sag es Ihnen“, brummte der Alte. „Bestimmt aus dem Wohnblock am Kreisverkehr. Man weiß ja, was da im letzten Jahr für Volk einquartiert wurde. Was wissen die schon von Weihnachten!. Ich hab immer gewusst, dass die irgendwann handgreiflich werden. Es gibt keine Ordnung mehr.“

„Genau!“, sagte die Frau.

„Unsinn!“, meinte Kühn. „Immer schön sachlich bleiben.“ Er spürte, dass er zu frieren begann.

Plötzlich war ein Klirren zu hören. Kurz, wie zerspringendes Glas. Kühn drehte den Kopf und sah noch, wie in dem Haus direkt neben ihnen schlagartig die Girlanden am Fenster erloschen. Jeder Muskel in ihm spannte sich. Er lauschte. Da hörte er es, ein verräterisches Rascheln. Mit wenigen Schritten erreichte er den flachen Zaun, sprang darüber hinweg, stürmte auf einen Busch zu, warf sich dahinter und packte den Schatten, der sich dort zu verbergen suchte.

Es war ein Kind. Kühn war überrascht und lockerte seinen Griff. Es brauchte einige Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann erkannte er ihn.

„Tobi! Um Himmelswillen, Tobi, was machst du hier?“, flüsterte er.

Tobi wimmerte eine unverständliche Antwort.

Sein eigener Sohn. Vor dem Zaun sammelten sich die Nachbarn und erwarteten den auf frischer Tat ertappten Bösewicht. Seinen Sohn! Noch verdeckte sie der Busch, doch durch nichts ließ sich verhindern, dass sie zur Straße zurückkehren mussten.

Er tastete nach Tobis Händen, fand die Schleuder und nahm sie an sich.

„Und die Munition?“, zischte er.

Tobi zog einen zerknitterten Gefrierbeutel hervor. Er war bis zur Hälfte gefüllt mit Haselnüssen. Es gab nichts mehr zu tun als einfach aufzustehen. Er nahm seinen Sohn auf den Arm.

„Augen zu und durch“, raunte er ihm ins Ohr. Erstaunt stellte er fest, dass es ihm nicht gelang, wütend zu sein. Er fühlte sich, als hätte er selbst die Nüsse in die Schleuder gelegt.

[…]

 

© Lutz Schafstädt
“Zwischenfall im Advent” ist erschienen in → “Nadelprobe” ← (Taschenbuch und eBook)

 

 

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